Buchbesprechungen :

Reimer Gronemeyer

Alt werden ist das Schönste und Dümmste, was einem passieren kann.

Reimer Gronemeyer bleibt mit dieser Publikation zum Thema Älterwerden nicht (wie so viele andere) an der Oberfläche, sondern dringt mit Intensität in tiefe Einsichten jenseits des Mainstreams, der nicht den Menschen und auch nicht dem Gemeinwesen dienlich ist, vor. Es geht ihm um die Rolle oder um den Platz der Alten in einer sich rasch entwickelnden Nützlich-keitsgesellschaft. Schonungslos schreibt er über das Altwerden im Würgegriff von Konsum und Jugendwahn.

Erschienen ist die Publikation im Rahmen der Edition der Körber-Stiftung, die unter dem Titel „Alter neu erfinden“ einen ihrer Schwerpunkte gesetzt hat.

In 10 Kapiteln werden Thesen bzw. Fragen diskutiert, wie es gelingen kann, jenseits von Klischees eine neue Souveränität des Alters zu erlangen.

  1. Altern ist eine Aufgabe – und es hat auch mit Aufgeben zu tun, Loszulassen, um Gelassenheit zu erlangen.
  2. Jugend, Attraktivität und Leistungsfähigkeit sind zu universellen Idealen aufgestiegen. „Vielleicht ist es das zeitgenössische Elend des Alters: dass an die Stelle des Werkes die Beschäftigung getreten ist. (S. 50)“
  3. Wo alles von Wachstum, von Innovation, von Zukunftsfähigkeit und von Nachhaltigkeit redet, sind die Alten irgendwie Sand im Getriebe und nicht „Salz der Erde“ – wie es biblisch heißt. Sozusagen die „bad bank“ des demografischen Wandels?
  4. Alter nicht als letzte große Leistungsshow sehen, sondern als die Chance, „aus sich herauszugehen“ und Fragen zu wagen:
  • Wer bin ich denn?
  • Für wen und was bin ich da?
  • Was müsste ich noch sagen?
  • Was ist noch zu tun?
  1. Die Bedeutungsleere des Alters wird durch Beschäftigung zu übertönen versucht. Die Suche nach der Schönheit des Alters ist auf die Oberflächenästhetik reduziert.
  2. Die Medikalisierung des Alters schreitet voran. Die Medizin hat die Religion abgelöst. Benzodiazepine haben Hochkonjunktur. Wellnesskliniken sind die modernen Wallfahrtsorte.
  3. Der alles überwuchernde Konsumismus ist wie ein Leichentuch, das erstickt. Greedy geezers (geizige Greise) sind der Inbegriff des misslungenen Lebens.
  4. Im digitalen, virtuellen Zeitalter werden Daten von Menschen begehrte Ware, der Mensch selbst zum Rohstoff.
  5. Wir brauchen die Wiedererwärmung der Gesellschaft (mehr soziale Nähe, statt mehr Versorgung), die jedoch nur gelingt, wenn die in den alt gewordenen Menschen verkapselte Erfahrung mitbedacht wird.
  6. Holt euch das Alter zurück, brecht auf aus dem betäubten Alter und fügt euch nicht in die Leitkultur der konsumistischen Verblödung, sondern geht Schritte in Richtung selbstbewusster Befreiung.

Fazit:

Die Alten sind die Musterschüler der Leistungsgesellschaft, die digitale Avantgarde im Vitaldaten-Monitor, die umworbene Kundschaft eines verantwortungslosen Marktes. Gronemeyers hoffnungsvolles Gegenbild ist eine neue Kultur der Nachdenklichkeit. Sie entfaltet sich im unermüdlich bewussten Unterwegssein. Und in der Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen, Nähe zu wagen, neu aufzubrechen. Denn es geht immer um Befreiung. Das persönlichste Buch des renommierten Soziologen Reimer Gronemeyer ist eine Einladung, einen eigenen Umgang mit der großen Aufgabe Alter zu finden.

Autor

Reimer Gronemeyer, geboren 1939, Studium der Theologie und Soziologie in Heidelberg, Hamburg und Edinburgh. Zunächst Pfarrer in Hamburg und ab 1975 Professor für Soziologie an der Uni Gießen.

Heinrich Trosch

10. Februar 2017

 

Thomas Klie

 "Wen kümmern die Alten"
 Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft

Wird für mich gesorgt sein, wenn ich Hilfe benötige? Und dies unter menschenwürdigen  Bedingungen? Diese Frage wissen viele ältere Menschen nicht zu beantworten. Dazu kommen die Bilder des Schreckens: Pflegeheim, Vernachlässigung. Berichte über kollektive Vernachlässigung in Heimen, aber auch im eigenen Zuhause, füllen immer wieder die Gazetten, und sie sind nicht erfunden. Wir alle kennen die vielfältigen Formen gesellschaftlicher Vernachlässigung und Ausgrenzung alter Menschen. Die Charta der Rechte alter Menschen der Vereinten Nationen (Grundsicherung im Alter, Schutz vor Misshandlung und Gewalt sowie gesellschaftliche Teilhabe)  erscheint in Deutschland selbstverständlich. Es ist aber vor allem eine kulturelle Herausforderung, die Würde verletzlicher und gebrechlicher alter Menschen zu wahren.

In Deutschland wurde 2013 ein Gesetz verabschiedet, das dem „Schutz der Rechte der älteren Menschen“ dient. Auch beginnt sich mittlerweile das Leitbild des aktiven Alterns mit seinen produktiven und kreativen Seiten durchzusetzen. Alles toll, aber es bleibt die Frage der „Sorge“; who cares?

Das Buch lädt ein, die individuellen und kollektiven Gestaltungsaufgaben, die mit dem Altern und dem Alter in seinen verschiedenen Ausprägungen verbunden sind, in den Blick zu nehmen. Außer der kritischen Auseinandersetzung mit der Vorstellung von Pflegebedürftigkeit und Demenz werden die Gefahren einer zunehmenden Ökonomisierung der Pflege angesprochen, die mit überbordenden Kontrollen in Heimen und Pflegenoten auf einem untauglichen Weg zu einer „Fast-Food“- Qualitätssicherung ist. Weiterhin stehen die Patientenverfügung und die Sterbehilfediskussion wie auch das Subsidiaritätsprinzip als Grundlage einer fairen und nachhaltigen sozialen Ordnung im Focus.

Klies Fazit: Weiter so geht nicht! Wir brauchen eine neue und zum Teil grundlegend andere „Sorgepolitik“. Eine Innovationskultur ist gefragt, wenn wir eine Gesellschaft des langen Lebens menschenfreundlich gestalten wollen, jenseits von traditioneller Familienpfllege. Seine Vision orientiert sich an dem Leitbild der „Caring Community (Nachbarschaftshilfe, Selbsthilfegruppen und Hausgemeinschaften, sowie Sozialarbeiter, die sich um das Thema Wiedereingliederung der Alten in die sozialen Strukturen der Städte kümmern)“. „Who cares“ ist unser aller Thema. Die Duldsamkeit vieler alter Menschen scheint unbegrenzt: Sie alle verdienen unsere anteilnehmende Aufmerksamkeit und Empörungsbereitschaft.

 „Vom pflegenden Angehörigen bis zum Senioren, vom Pflegedienstleiter bis zum Bürgermeister findet in diesem Buch jeder, was er braucht.“

Autorenportrait                                              Thomas Klie, Jahrgang 1955, ist Professor an der Evangelischen Hochschule Freiburg und leitet das Institut für angewandte Sozialforschung, Alter, Gesellschaft, Partizipation in Freiburg. Sein besonderes Interesse gilt einer nachhaltig ausgerichteten Pflegepolitik. Darüberhinaus ist er Mitglied der 7. Altenberichtskommission der Bundesregierung.

Pattloch Verlag 2014, Euro 18,00

Heinrich Trosch

 

„Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach“ - Schöpferisch bis ins hohe Alter Andreas Kruse, Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach Springer. 355 Seiten. 24,99 € Mit dem Blick des Alternsforschers betrachtet der Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg das Schaffen und vor allem das Alterswerk des Barock-Komponisten. Der Psychologe Kruse, der auch Musik und Philosophie studierte, zeigt mit seiner Konzentration auf die letzten Lebensjahre Bachs, dass auch im hohen Alter und schwer kranke Menschen noch zu großartigen kreativen Leistungen fähig sind. Diese Phase, die in unserer Gesellschaft gemeinhin mit vielen Ängsten und negativen Gefühlen verbunden ist, kann sogar noch einen richtig schöpferischen Schub bringen. Seine Publikation gliedert sich in drei Bereiche: Zunächst beschäftigt sich der Wissenschaftler mit dem Verständnis von Kreativität und Altern. Im zweiten Teil geht es um eine psychologische Analyse der Familiengeschichte und der Biografie Johann Sebastian Bachs, die immer wieder von Krisen und Grenzsituationen geprägt ist. Im dritten Teil widmet er sich den „Grenzgängen“ Bachs am Ende seines Lebens, als Werke wie die h-Moll-Messe und die „Kunst der Fuge“ entstehen. Der Komponist starb im Alter von 65 Jahren (um 1750 war das hochbetagt). Gesundheitlich ging es J. S. Bach in diesem letzten Lebensabschnitt nicht gut. Er war nahezu blind; vermutlich plagten den Komponisten starke Schmerzen durch Diabetes und Tage vor seinem Tod erlitt er noch einen Schlaganfall. Doch J. S. Bach überwand das körperliche Leid und zwar schöpferisch bis zum Schluss. Kraft gaben ihm nach Ansicht von Kruse seine früheren Lebensphasen, die tiefe Liebe zur Musik seit Kindheit an und der Zusammenhalt der Familie. Ebenso elementar sieht der Gerontologe das Gefühl, gebraucht zu werden, an. Bei Bach habe etwa das Pflichtbewusstsein seinen Schülern gegenüber den Schaffensprozess im Alter wesentlich vorangetrieben. Darüber hinaus kam der positiven Lebenseinstellung und gefestigten Persönlichkeit eine wichtige Rolle zu – die er behielt trotz schwerer Schicksalsschläge und des Versuchs, ihn auszugrenzen. Denn auch im 18. Jahrhundert war der „ soziale Tod“ als Vorgänger des biologischen verbreitet . Bach habe sein Ende bewusst angenommen – eine Haltung, bei der ihm seine Gabe zur "Selbst -Distanzierung“ sowie seine gefasste Einstellung zum Sterben und zum Tod hilfreich waren. Das Fundament dafür wiederum lieferte Bachs Frömmigkeit : die Überzeugung, dass jedes Individuum Teil einer göttlichen Schöpfung ist , die über das Irdische hinaus Bestand hat; ein Glaube, der sich Zeit Lebens auch in seiner Musik spiegelte. Andreas Kruse will seinen Lesern nicht nahelegen, gläubig zu werden, sofern sie es nicht sind. Aber von Bachs Vita ließe sich lernen, ist der Gerontologe überzeugt : „ Ich bin beeindruckt von Bachs seelischer und geistiger Kraft , davon, wie er sich auch im hohen Alter noch weiterentwickelt hat . Er eröffnet uns eine andere Sicht auf das Alter und dessen schöpferische Potentiale. So kann Bach uns heute ein Vorbild sein.“ Ein inhaltlich, geistig, emotional und ästhetisch reiches Buch, das nicht nur wissenschaftlich höchst fundiert ist , sondern das auch Menschen in ihrer persönlichen Lebenssituation unmittelbar anzusprechen vermag. Heinrich Trosch

 

Henning Scherf kämpft mit "Altersreise" für Pflege-Wohngemeinschaften Henning Scherf, Altersreise Herder. 222 Seiten. 19,99€ Das gute Leben im Alter – wer möchte es nicht? Was ist zu tun, um es erleben zu können – trotz körperlicher Gebrechen, Pflegebedürftigkeit und Demenz? Bremens Altbürgermeister Henning Scherf hat sich im ganzen Land ein Bild über neue Wohnformen für Ältere gemacht. Unter dem Titel „Altersreise“ berichtet er von Besuchen zwischen 2010 und 2012 in insgesamt acht Pflege- und Demenz-Wohngemeinschaften, um zu erfahren, wie ein würdevolles Leben trotz körperlicher und geistiger Nöte möglich werden kann. In seinem Buch mit dem Untertitel sieht er die Zukunft der Pflege in einer Mischung aus professionellen und ehrenamtlichen Kräften. Vor allem im ländlichen Raum und in kleineren Städten, wie Lauda-Königshofen, erfordert der demographische Wandel Überlegungen, wie das Zusammenleben einer schrumpfenden und älter werdenden Gesellschaft künftig zu organisieren wäre. Scherf ermutigt dazu, eine Alternative zum Leben im Altersheim zu suchen. Er empfiehlt, sozusagen den Weg von unten mit kleinen Wohneinheiten zu gehen – nicht im Abseits der Gesellschaft, sondern mitten in ihr. Wichtig ist ihm überdies, dass jeder rechtzeitig darüber nachdenkt, wie er im Alter leben und wohnen möchte. Die Altersreise beginnt für alle – irgendwann. Heinrich Trosch

 

Der ergänzende Begleitband zur Ausstellung »150 Jahre SPD« Seit Monaten tourt eine sehenswerte Wanderausstellung zum 150-jährigen Bestehen der deutschen Sozialdemokratie durch die Republik, aber das Buch zur Ausstellung bietet ungleich mehr Material über die historischen Wurzeln und die Geschichte der SPD Das hochwertig ausgestattete Buch erschien gleichzeitig mit der Wanderausstellung zum 150-jährigen Bestehen der Sozialdemokratie als organisierte Partei, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung bundesweit gezeigt wird. Statt eines klassischen Ausstellungskatalogs werden pointierte Essays, Bildikonen und historische Quellen mit aktueller Bedeutung präsentiert. Dadurch ergibt sich ein frischer, abwechslungsreicher Überblick mit neuen Perspektiven. Die Herausgeber Anja Kruke und Meik Woyke zeichnen die langen Entwicklungslinien der Arbeiterbewegung nach: Vom Barrikadenkampf während der Revolution 1848 über die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins durch Ferdinand Lassalle im Jahr 1863 bis zu der Ostpolitik Willy Brandts, dem Atomausstieg der heutigen SPD bis zum laufenden Bundestagswahljahr 2013. Die deutsche Sozialdemokratie hat stets politische Akzente gesetzt. Zunächst soziale Bewegung, dann auch Partei, erkämpfte sie die Demokratie und trieb den Ausbau des Sozialstaats voran. Dabei blieb sie ihren Grundwerten trotz zahlreicher Krisen, Niederlagen und Kompromisse im Wandel treu Der Band ist reich illustriert aus den Beständen des Bonner Archivs der sozialen Demokratie, die Essays blättern die wechselvolle Parteigeschichte der SPD ebenso auf wie die Erfahrungen mit Vorläufern und Ideengebern. Der Leser erhält überraschende Einblicke und neue Perspektiven durch ein Lesebuch, das auch den Bildikonen der Sozialdemokratie ihren angemessenen Platz einräumt und mit einer Betrachtung des "virtuellen Ortsvereins", des "Online-Wahlkampfs" und der "Facebook-Gemeinde der SPD" in der Postmoderne endet. Das Buch bietet vielleicht all jenen etwas Trost, die angesichts der aktuellen Lage der Partei beinahe verzweifeln: Die SPD hat schon andere Krisen und Rückschläge überstanden - immerhin bald 150 Jahre lang. Anja Kruke/Meik Woyke (Herausgeber) Deutsche Sozialdemokratie in Bewegung 1848 - 1863 - 2013 Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn. 304 Seiten. Halbleinen 29,90 Euro. ISBN 978-3-8012-0431-0 Heinrich Trosch

 

Willy Brandt

Einhart Lorenz Willy Brandt. Deutscher – Europäer – Weltbürger Kohlhammer Urban Taschenbücher 2012, Euro 24,90 Wissen wir nicht schon alles über Willy Brandt, der in historisch bedeutsamer Zeit „Regierender“ in Berlin war, der als Bundeskanzler „mehr Demokratie wagen wollte“, der mit seinem Kniefall in Warschau Maßstäbe setzte und als Nobelpreisträger für seine Friedenspolitik geehrt wurde? Brandt hat selbst zu verschiedenen Zeiten seines Lebens immer wieder autobiographische Zeugnisse abgelegt, mehr oder weniger Berufene haben über seine Person, sein politisches Wirken und über sein Privatleben Bücher verfasst, Familienangehörige haben sich erinnert. Im Gegensatz zu anderen Biographien ist dieses Buch nicht geschwätzig und laut. Kein Wettlauf um Anekdoten. Es ist würdig und zurückhaltend. Wie die Person selbst, die es beschreibt. Nach einem Kapitel über Jugend und Kindheit beschreibt Lorenz über mehrere Kapitel den Weg Willy Brandts vom überzeugten Links-Sozialisten in der Sozialistischen Arbeiterpartei zum bekennenden Sozialdemokraten am Ende des zweiten Weltkriegs. Lorenz präsentiert dem Leser einen Einblick in die Strukturen der Arbeiterparteien während der beiden Weltkriege. Diese Biographie ist an vielen Stellen ein Geschichtsbuch. Kein langweiliges. Neben privaten und politischen Bereichen untersucht Lorenz auch die publizistische Arbeit Willy Brandts. Als erster deutscher Brandt-Biograph greift der Historiker die auf Norwegisch und Schwedisch entstandenen Texte Brandts intensiv auf. Brandt blieb seiner Darstellung nach immer Deutscher, ein „anderer Deutscher“, zudem entwickelte er sich auch zum überzeugten Europäer. Lebenslange Freundschaft zu Politgrößen wie Walter Kreisky entstanden. Die ersten beiden Teile des Buches bestätigen inhaltlich, wie richtig und sorgfältig der Buchtitel „Deutscher und Europäer“ gewählt ist. Der dritte Teil des Buchs widmet sich dem politischen Aufstieg Willy Brandts nach dem Krieg. Deutsche Nachkriegsgeschichte wird mit der Person Willy Brandt verwoben. Seine Höhen (Kanzlerschaft, Friedensnobelpreis) und auch seine Tiefen(Wahlniederlagen, Rücktritt) werden genau und wissenschaftlich präsentiert, ohne den Leser im Entferntesten zu langweilen. Lorenz nimmt den Leser auf den Weg Brandts zum Weltbürger mit, der 1980 den Nord-Süd-Bericht vorlegte und die Deutsche Einheit noch begleiten durfte. So unterstreicht der letzte Teil des Buches eindrucksvoll die dritte Zuschreibung des Buchtitels „Weltbürger“. Die Biographie „ Willy Brandt . Deutscher – Europäer – Weltbürger“ von Einhart Lorenz ist ein gelungenes Herantasten an Willy Brandt. Sie klärt über Person, Zeit und politische Verhältnisse auf . Autorenporträt: Einhart Lorenz, geb. 1940, ist gebürtiger Berliner und emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Oslo. Seine Forschungsund Publikat ionsschwerpunkte sind: Arbeiterbewegung, Antisemitismus, Exil, Willy Brandt . Er ist Träger des Willy-Brandt -Preises 2003. Er beherrscht als bislang einziger der Biographen die skandinavischen Sprachen und konnte die norwegischen und schwedischen Originaltexte von und über Willy Brandt aus dessen lebensentscheidenden Exiljahren lesen und auswerten. Heinrich Trosch

 

Konstrukte gelingenden Alterns Martina Kumlehn / Andreas Kubik (Hg.) Kohlhammer. 249 Seiten. 24,90 € Altersthemen haben Konjunktur. Seit einigen Jahren hat sich ein neuer Ansatz in der Alternsforschung entwickelt: Interdisziplinäre Alternswissenschaft. Die seit den Anfängen der gerontologischen Theoriebildung behandelte Frage, wie es dem einzelnen Menschen gelingt, sich mit den Herausforderungen des Alterns so auseinanderzusetzen, dass diese Lebensphase als stimmig und gelingend empfunden wird, wird nun interdisziplinär angegangen. Die Leitvisionen wechseln vom „Schöpferisch Altern, L. Rosenmayer“ über „Älterwerden will gelernt sein, H. & H. Radebold“ , die eher erfolgreiches Altern im Blick haben zu „Konstrukte gelingenden Alterns“. Die Publikation entstand im Nachgang zu einer Tagung im März 2010 an der Uni Rostock, an der sich eine interdisziplinäre Profillinie zur Alternsforschung herausgebildet hat. In einer übersichtsartigen Einleitung von Andreas Kubik werden die drei Themenkreise des Buches erläutert. In dem ersten Block von Beiträgen mit der Überschrift „Das alternde Selbst“ geht es um Fragen der Sinnstiftung und Selbstbestimmung im Alter. Hier werden insbesondere philosophische und theologische Themen wie Fürsorge am Lebensende, Gelingendes Leben – gelingendes Altern, Spiritualität und Altersdiskurs sowie Altern und Zeithorizont behandelt. Stellvertretend mögen zwei Aspekte besonders erwähnt sein: zum einen findet ein engagiertes Plädoyer für den Blick auf den ganzen Menschen statt, was hier bedeutet: inklusive seiner Verletzlichkeit und Sterblichkeit, sowie auf Konzepte wie Spiritul Aging, das an religion und well-being orientiert ist. Der zweite Block umfasst Beiträge zum Thema „Altersdiskurs und Kommunikation“. Hier möchte ich besonders zwei Beiträge herausheben: Kommunikation als Grundvoraussetzung für gelingendes Altern und Kommunikative Grenzerfahrung Demenz. Zum einen muss an der kommunikativen Verarbeitung des Alter(n)s aktiv mitgewirkt werden und zum anderen wird aufgezeigt, dass das Paradigma des Gelingens an der Demenz eine ultimative Grenze findet. Im dritten Block werden „Gesellschaftlich-kulturelle Bedingungen und Felder gelingenden Alterns“ in den Blick genommen. Auch hier treten zwei Aspekte in den Vordergrund: Bildung im Alter – Bildung für das Alter sowie Konstrukte gelingenden Alterns bei älteren Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Es ist lobenswert, dass nicht ‚lebenslanges Lernen‘ das Thema ist sondern Bildung, und dass der Akzent auf der Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte, d.h. in lebenspraktischer Krisenbewältigung liegt. Beim Thema Migration wird dargelegt, „dass kulturelle Fragen im Alterungsprozess häufig überschätzt, sozioökonomische Faktoren hingegen unterschätzt werden“. Als Hauptfrage stellt sich eher, ob die Migrationsziele erreicht wurden. Insgesamt werden hier Fachbeiträge von wissenschaftlichen Disziplinen vorgestellt, die in der boomenden Altersliteratur nicht so häufig vertreten sind. Der Entstehungsgeschichte der Publikation ist geschuldet, dass der analytische Aspekt überwiegt. Trotzdem eine sehr anregende Lektüre für alle, die sich mit Fragen des Alters und Alterns beschäftigen. Heinrich Trosch

 
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